Hitzeaktionstag

Der Klimawandel wird laut Dr. Thomas Quinton (Gründungsmitglied von Health For Future Austria) zur größten Gesundheits-Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Ein wesentlicher Faktor dafür ist die steigende Belastung durch Hitze, höhere Temperaturen sowie länger andauernde und häufiger auftretende Hitzewellen. Die Belastung trifft die sog. vulnerablen Gruppen am stärksten, u.a. also auch uns ältere Menschen.

Am 9. Juni 2026 findet der zweite österreichische Hitzeaktionstag statt. Im Vorjahr wurde die Aktion von 70 Partner:innen unterstützt und zwischen April und September über 60 Veranstaltungen in ganz Österreich durchgeführt. Heuer ist das Motto: „Coole Lösungen für den Arbeitsplatz“, wobei natürlich auch andere betroffene Bereiche vertreten sind.
Alle Informationen dazu auf der Website: Hitzeaktionstag

Seniors machen heuer keine eigene Aktion, beteiligen sich aber an einer Aktion der Forschungsgruppe Wienthropozän (Universität Wien, Master Internationale Entwicklung). „Stadtspaziergang: Wien im Hitzestress – Solidaritäten, Resilienzen und Herausforderungen“, 10.06.2026, 17:30 – 19:30 Uhr .

An der Bim-Station Arbeitergasse/Gürtel wird Stephan Burgstaller von den Seniors eine Rede halten, zum Thema „Hitzebelastung für ältere Menschen und andere vulnerable Gruppen“.
Hier vorab zu lesen:

Hitze
Ich erinnere nur kurz an den vergangenen Monat, der Mai war nicht nur in Österreich ein Monat der Extreme, was die Hitze betrifft. Wir wissen aus der Forschung, dass die Temperaturen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch steigen, Hitzewellen länger dauern und häufiger auftreten werden. Damit wird der Klimawandel, so Dr. Thomas Quinton, Gründungsmitglied von Health For Future Austria, zur größten Gesundheits-Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Bereits in den letzten 3 Jahren, gab es jedes Jahr über 60.000 Hitzetote allein in Europa.

Was heißt das nun konkret für ältere Menschen und besonders gefährdete Gruppen
Stell dir vor, du bist alt und hast schlecht geschlafen, weil es in der Nacht über 20 Grad hatte, ein Glas Wasser auf den Nachttisch zu stellen, so wie du es dir eigentlich vorgenommen hattest, hast du am Abend vergessen und das Aufstehen in der Nacht war dir zu mühselig, wegen der starken Kreuzschmerzen und der Arthrose im Knie, außerdem warst du viel zu erschöpft von der Hitze am Vortag. Du schläfst in der Früh doch noch ein und in den Tag hinein, um den fehlenden Nachtschlaf zu kompensieren, stehst irgendwann vormittags auf, der erste Gang zum Wasserhahn. Ein Glas Wasser. Das tut gut. Du öffnest das Fenster, Hitze schlägt dir entgegen, du machst gleich wieder zu. Ausgerechnet heute, wo du doch einkaufen gehen wolltest, bzw. musstest, weil die Lebensmittel aus sind.

In Gedanken gehst du es durch. Die Stiegen runter, raus aus dem Haus und rechts rauf, bis zur Ampel. Die steht immer eine gefühlte Ewigkeit auf Rot, während auf vier Spuren ein Auto nach dem anderen an dir vorbeirast und dir Abgase und Feinstaub ins Gesicht bläst und: Das Ganze in der prallen Sonne. Da steht kein Baum, wann wird endlich grün. Die Ampel schaltet um, aber du kannst nur langsam gehen, die Ampel schaltet schon wieder auf rot, bevor du die andere Straßenseite erreichst. Jedesmal stresst es dich, weil du Angst hast, dass ein ungeduldiger Autofahrer losrast und dich über den Haufen fahrt. Du nimmst deine ganze Kraft zusammen um möglichst schnell von der Straße zu kommen, bist am Gehsteig, atmest kurz durch, oje, mein Kreuz.

Eigentlich wolltest du vorgestern schon einkaufen gehen, weil die Lebensmittel knapp wurden, hast es aber verschoben, weil es so heiß war. Und jetzt ist gar nix mehr da und du musst einkaufen gehen. Aber heute ist es noch heißer als gestern und vorgestern. Dein Freund hat dir ein SMS geschickt, mir ist heute zu heiß zum Rausgehen, kann leider nicht für dich Einkaufen gehen. Musst du leider selber gehen. Na gut.

Du stellst dir den weiteren Weg vor. Sollst du wirklich gehen? Nach der Ampel sind’s noch immer ein paar hundert Meter bis zum Supermarkt, der ganze Weg in der prallen Sonne, nirgends ist Schatten und – es gibt keine Sitzmöglichkeit. Du musst dich zwischendrin irgendwo ausruhen können. Wie oft hast du schon an die Bezirksleitung geschrieben, bitte stellts ein Bankerl auf, wenn möglich mit Beschattung, für uns ältere und gehbehinderte Menschen im Grätzel kann Einkaufengehen zum Marathon werden. Sie haben net amal zurückgeschrieben. Soll ich wirklich heute gehen, denkst du dir. Du kramst in deinem Küchenkastl, das du längst wieder mal aufräumen solltest, aber es ist alles so mühsam. Ah, da sind noch ein paar Nudeln. Knoblauch ist auch noch da. Aglio et olio, super gut. Nahezu perfekt. Ich geh morgen einkaufen. Heute ist’s echt einfach zu heiß. Und morgen?

Zusammengefasst: Ältere und besonders gefährdete Menschen überlegen oft 3x ob sie bei großer Hitze außer Haus gehen und bleiben manchmal lieber hungrig. Sie bräuchten für ihre Wege, die auf Grund der Beeinträchtigung ja auch länger dauern, als z.B. bei gesunden jungen Menschen, viel Baumschatten und ausreichend Sitzgelegenheiten. Länger andauernde Hitze erhöht das Risioko der Einsamkeit, da es Freunden und Freundinnen oft ähnlich geht und die Sozialkontakte reduziert sind. Sie bräuchten daher auch organisierte Betreuung. Nicht jede:r hat eine Familie, die sich kümmert.

Kommt noch dazu: Ältere Menschen haben oft ein reduziertes Durstgefühl, was durch die Einnahme von Medikamenten noch verstärkt werden kann, zudem können Medikamente die Regulierung der Körpertemperatur rein physisch beeinträchtigen. Demenzkranke Menschen haben während Hitzewellen ein deutlich erhöhtes Sterberisiko.

Psychisch kranke Menschen
Neben älteren Menschen, die u.a. wir Seniors For Future Austria vertreten, gibt es weitere Gruppen, die stärker als andere gefährdet sind, z.B.: Säuglinge und Kleinkinder, schwangere Frauen, chronisch und psychisch Kranke sowie sozial isolierte und einsame Menschen, aber auch beruflich im Freien Arbeitende und Obdachlose sind stärker gefährdet.

Ich möchte nur eine davon kurz herausgreifen, nämlich psychisch kranke Menschen, da psychische Erkrankungen zu den wichtigsten Risikofaktoren für hitzebedingte Todesfälle gehören. Das Sterberisiko kann sich während Hitzewellen sogar verdreifachen. Besonders betroffen sind Demenz, Substanzabhängigkeit und schwere psychotische Erkrankungen. Auch die Suizidalität sowie selbst- und fremdgefährdendes Verhalten sind bei Hitze stärker ausgeprägt.

Warum?
Die Wahrnehmung des eigenen Körpers sowie das Durstempfinden kann gestört sein, ich bemerke also die Belastung durch die Hitze nicht, und gleichzeitig beeinträchtigen viele Psychopharmaka die Wärmeregulation des Körpers, indem sie z.B. die Körpertemperatur ehöhen oder die Schweißabsonderung vermindern. Hier ist das Arztgespräch, zu den Wirkungen der jeweils eingenommenen Medikamente wichtig.

Hitze kann bestehende Symptome einer psychischen Erkrankung (aber auch chronischer körperlicher Erkrankungen) verschlimmern und auch dazu führen, dass neue körperliche Symptome auftreten. Die Fähigkeit zur Selbstfürsorge ist oft eingeschränkt, ich trinke zu wenig, sorge nicht für Kühlung oder wähle die falsche Bekleidung.

Der Anstieg von selbst- und fremdgefährdendem Verhalten ist dadurch bedingt, dass bei steigender Hitze die Impulskontrolle, die Fähigkeit starke Gefühle zu kontrollieren vermindert ist, kognitive Funktionen sind herabgesetzt, die Hemmschwelle sinkt.

Ganz allgemein sind körperlich und psychisch chronisch kranke Menschen durch mehrere Faktoren während Hitzewellen stäker belastet als andere, und brauchen gesonderte Betreuung. Das ist Aufgabe und Herausforderung des Gesundheitssystems in den kommenden Jahren.

Klimaungerechtigkeit, was ist denn das?
Eine Sache möchte ich noch erwähnen, nämlich die ungerechte Verteilung innerhalb dieser Gruppen. Personen der ärmeren Hälfte der Bevölkerung (bzw. der ärmeren Hälfte dieser gefährdeten Gruppen) wohnen viel öfter in verkehrsintensiven Vierteln (z.B. am Gürtel), in schlecht isolierten Wohnungen (im Sommer heiß, im Winter schwer zu heizen) mit erhöhter Lärm- und Feinstaubbelastung – sie haben damit deutlich mehr unter den Klimawandelfolgen zu leiden, als Personen (auch wenn sie zu einer der gefährdeten Gruppen gehören) in einer Villa im Grünen, inkl. Klimaanlage, Personal und privatmedizinischer Versorgung. Diese Ungerechtigkeit gilt sowohl innerhalb Wiens bzw. Österreichs, noch viel viel krasser gilt die ungerechte Verteilung aber für den gesamten Globus, in der unterschiedlichen Betroffenheit der globalen Süd- und Nordhalbkugel.

Die Belastungen durch Hitze sind bereits hoch und sie werden weiter zunehmen. Hitzewellen kommen öfter, dauern länger und werden intensiver, die Temperaturen steigen, und damit die physische und psychische Belastung. Es braucht besondere Maßnahmen, um die Belastungen während der Hitzewellen abzumildern und Hitzetote, die zu einem sehr hohen Anteil aus den gefährdeten Gruppen kommen, zu vermeiden.

Eine Ungerechtigkeit, die auch Margareten betrifft
Margareten ist der zweitkleinste und zugleich der dichtbesiedelste Bezirk von Wien, auf ca 2 qkm wohnen 55.000 Menschen. Das geht einher mit viel Verbauung, viel Versiegelung, wenig Grünflächen und, das kommt noch dazu: Einer hohen Verkehrsbelastung …

Margareten hat einen deutlich höheren Anteil an Mindestsicherungsempfänger:innen und ein geringeres Durchschnittseinkommen als z.B. Döbling. In Margareten ist die Fein- und Lärmnelastung deutlich höher. Döbling hat über 50% Grünraumanteil, Margareten kaum 10, die Arbeitslosenquote liegt hier höher, in Döbling deutlich unter dem Wiener Durchschnitt. Faktoren, die neben anderen dazu führen, dass die Menschen in Margareten eine geringere Lebenserwartung haben, statistisch gesehen sterben sie früher. Dieser Unterschied wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten durch die Folgen des Klimawandels noch erhöhen. Kommt noch dazu: Reiche Menschen verantworten um ein Vielfaches mehr an CO2 Ausstoß als Ärmere.

Soweit zur Klimaungerechtigkeit. Wobei in  Wien die Unterschiede natürlich deutlich geringer sind als im Vergleich des globalen Südens mit dem globalen Norden.

Unsere Forderung: Bäume statt Autobahn
 3 Milliarden Euro werden immer wieder genannt für den Autobahnbau, ebenso mehr als 5 Milliarden für die Förderung fossiler Energien. Um 8 Milliarden könnten in Wien 400.000 Bäume gepflanzt werden. Wien würde neben der Weltstadt auch zur Waldstadt. Die Leute würden zu uns kommen, um mitten in einer Großstadt gesundes Waldluft-Klima zu genießen.

 

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