Betrifft: Alle

Man könnte verzweifeln, aber das erleben eh alle. Klimschutzmaßnahmen werden gekürzt, fossile Förderungen nicht angetastet. Musk wird zum ersten Billionär und eine österreichische Zeitung gratuliert, er habe damit einfache Menschen zu Millionären gemacht (wenn sie die richtigen Aktien besitzen) . Als ob es eine soziale Leistung wäre. Daran würde man erkennen, dass der Kapitalismus funktioniere. Genau. Auf der anderen Seite wird nämlich Armut produziert, Menschen der ärmeren Hälfte sind mehrfach von Kürzungen und Sparmaßnahmen betroffen, bei bestehender Armut existentiell gefährdend. So funktioniert das System. Danke für den Hinweis.

Mind the gap, tönt es regelmäßig in den U-Bahnstationen. Mind the gap zwischen arm und reich, damit müsste man Parlamente und Regierungsgebäude dauerbeschallen. Musk ist reicher als die ärmeren 46% der Weltbevölkerung, fast 4 Milliarden Menschen. Das ist kein gap, es ist ein riesiger klaffender Abgrund. Durch die extreme und weiter wachsende Machtanhäufung auf Seiten der Reichen kaum zu schließen.

Kommt dazu: Hohe soziale Ungleichheit, allseits bekannt, gefährdet Demokratie und öffnet autokratisch und rechtsextrem orientierten Parteien die Tore. Und Autokratien, wir erleben es ganz aktuell, haben mit Klimaschutz nichts am Hut. So ist der Kampf für die Demokratie ein Kampf für den Klimaschutz und richtet sich genauso gegen die Ursachen des Kollaps wie der Kampf gegen fossile Konzerne und deren weitvernetzten Lobbyismus. Wächst das System ‚Ungleichheit‘ weiter an, rückt die Erreichung der Klimaziele in noch weitere Ferne.

Aber warum hält sich dieses System so hartnäckig, wo doch der Großteil der Menschen dadurch benachteiligt wird. Warum wehren sich die Menschen nicht dagegen. Die Gründe dafür bilden eine komplexe Gemengenlage, ich möchte nur einen Punkt herausgreifen.

Aktienwirtschaft ist die kapitalistische Infiltration der breiten Bevölkerung.

Aktien sind nicht nur für die Reichen, Börsianer, Vermögensverwalter oder Fonds attraktiv, alle Bürger:innen können Aktien kaufen –  und tun es auch fleißig, je nach Einkommen mehr oder weniger. Gesprochen wird darüber kaum. Oder weißt du, wer in deinem Bekanntenkreis Aktien besitzt? Ich kenne Bezieher:innen von Mindestsicherung, die sich ein kleines Aktienpaket zusammengespart haben, in der Hoffung, damit die Haushaltskassa ein bisserl aufzubessern. Das zeigt schon, wie Aktienwirtschaft alle Schichten der Bevölkerung durchdringt.

Auch der kleinste Aktionär hofft darauf, dass er irgendwann einen Gewinn erzielen oder ihm seine Aktien die Pension aufbessern werden. Logisch und verständlich. Voraussetzung für diese Hoffnung und eventuelle Bereicherung ist das Funktionieren des Aktienmarktes, also das Funktinieren des Systems ‚Kapitalismus‘, des Systems ‚Ungleichheit‘. Die Verquickung der wenigen großen Player mit einer Unmenge an Kleinaktionär:innen zementieren das System auf breitester Ebene (zumindest in den reicheren Industrieländern, global insgesamt die Mächtigeren) und untergraben die Bereitschaft für Änderungen. Bloß kein ’system change‘ sagen die großen wie die kleinen Player. Beide wollen nicht auf ihre Gewinne verzichten. Für die Großen wäre es ein monetärer Verlust, für die Kleinen kann es den Unterschied zwischen überleben und leben ausmachen.

Für die Einen wie die Anderen bedeutet ’system change‘ eine Bedrohung. Bloß nicht. Soll doch alles bleiben wie es ist, sonst hab ich umsonst investiert und verloren. Wenn die Unsicherheit größer wird, erhöht sich zudem die Bereitschaft, im Wind von Rechts zu segeln. Mir geht es auch besser, wenn ich genau weiß, wo gut und böse daheim ist und nicht hier oder dort oder da lauern kann und ich muss mir erst alles genau anschauen, um es richtig einordnen zu können. Uranstrengend.

Doch die Welt wird u.a. durch die Geschwindigkeit der (technologischen) Entwicklungen immer komplexer, wir kommen geistig und emotional mit der Verarbeitung kaum hinterher. Auch das vergrößert die Unsicherheit.

Man sagt, wer auf der alten Donau den Segelschein macht, der kann überall segeln – wegen der dort ständig drehenden Windrichtungen. Das, glaube ich, müssen wir lernen, mit ständig drehenden Windrichtungen umzugehen, damit wir die Segel nicht in den Rechtswind drehen.

 

 

 

 

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