Ich will mehr …

Ein schöner Sonntag Morgen, Frühlingsluft ladet ein, hinauszugehen. Heute ist der zweite Sonntag, das heißt ich erlaube mir íns Grüne zu fahren. Mit dem Auto. Zum Gasthof Waldruh, abgelegen, oben im Waldviertel. Ich mag es, unter den alten Bäumen zu sitzen, manchmal ergeben sich Gespräche und ich gönn mir ein Kalbsschnitzerl. So viel kann das ja nicht ausmachen. Natürlich mit dem Auto, anders kommt man ja nicht hin. Hab‘ mir vor kurzem einen Verbrenner gekauft, einen kleinen, ganz bewusst keinen SUV. Das mit den E-Autos ist mir zu riskant. Bei uns geht’s ja noch, aber was, wenn ich mal in einer Gegend bin, wo es keine Ladestationen gibt. Geht mir der Saft aus, ich steh mitten in der Pampa und muss schieben. Nein, das ist mir zu riskant. Wenn die Lade-Infrastruktur überall gut ausgebaut ist, dann steig ich um auf E.

Ich fahr‘ ja sonst nicht viel. In der Stadt mit dem Radl oder Bus. Aber ich mag halt diesen Gasthof so gern und manchmal drängts mich, raus ins Grüne zu fahren, irgendwo ein Stück spazieren, das Schnitzerl, ja, es darf auch nicht fehlen. Und einmal im Jahr flieg ich ans Meer, Atlantik oder Ägäis Ich bin kein Vielflieger, im Gegenteil, bewusst wenig, aber einmal im Jahr brauch ich Meer. Algarve oder Kanaren, Samos oder Kreta. Ein Flug im Jahr kann’s ja auch nicht ausmachen. Es gibt Leute, die fliegen ständig irgendwo hin und hin und her. So bin ich nicht.

Der zweite Sonntag

Heute ist der zweite Sonntag, heute gönn ich mir ein Bier. Ich weiß eh, die Leber, aber eines kann ja nicht so viel ausmachen, oder. Ja, ich weiß, aus einem werden oft mehr. Aber so schlimm ist das auch wieder nicht. Ich mag’s halt so gern. Im Sommer, wenn das kühle Bier die Kehle runter rinnt und nach dem zweiten wird die Welt schon leichter. Ich trink ja nicht ständig, so wie andere. Ein paar Krügerl mehr werden’s schon oft, aber was soll’s, in meinem Stammlokal, da geh ich halt gerne hin, treff Leute, die ich kenne, wir reden und prosten uns zu. Und irgendwann ist die Welt ganz leicht, nur ich selber bin schwer, schlurfe heim und schlaf bald ein.

Manchmal kommt mir vor, das mit dem Bier läuft ganz ähnlich wie das mit dem Klimawandel. Ich weiß, es tut nicht gut, im einen Fall nur mir selbst, im anderen auch mir, gleichzeitig aber noch vielen anderen, eigentlich allen Menschen und der ganzen Natur. Ich weiß genau, wie es sich auswirkt, Alkohol und Klimawandel sind ausreichend erforscht. Und doch will ich immer wieder eines, eines mehr, oder einen Ausflug mit Auto oder Flugzeug, und das Schnitzerl mit dem Bier, ob Waldviertel oder Stammlokal, ich kann’s nicht lassen. Ich will mehr davon bzw. immer wieder. Ohne? Auf Dauer? Kann ich mir nicht vorstellen. Und warum auch. so schlimm wird’s nicht werden, wird schon gut gehen. Ein paar Bier, mal mit dem Auto ins Grüne, ein Flug im Jahr? Also wirklich.

Was haben wir schon gemacht?

PKW, Urlaubsflug und Fleischkonsum, Konsum überhaupt, ein Gwand kauf ich auch, wenn ich Lust hab, ist ja total billig,eine gut geheizte Wohnung will ich haben, wenn’s kalt ist und eine Klimaanlage für die Hitzewellen. Ich bin Westeuropäer und ich leiste mir, was ich kann. Ein Bier zum Steak und ein paar danach, ein Auto, einen Urlaubsflug und was man halt sonst zum Leben braucht. Ich bin Pensionist und ich genieße, was ich kann. Als Westeuropäer sind wir gewohnt, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, wann immer sie auftauchen, schnell und ohne viel drumherum. Weil wir es können.

Ein westeuropäischer Pensionist, der sich Gedanken über die Welt macht und ansonsten eine Lebensweise führt, von der er weiß, es zerstört ihn persönlich und hilft, die Welt zu zerstören. Was ich früher alles mit dem Auto gefahren bin. Noch in den Bergen, durch die Täler und mit dem Auto rauf auf die Alm. Das mochte ich am liebsten. Über unwegsame Forstwege zur Almhütte und dort ein kühles Bier genießen. Zu viel Abgase und Alkohol? War damals kein Thema. Alle sind mit dem Auto gefahren und alle haben getrunken. So waren wir. Gedanken über Schäden, die wir anrichten würden? Kein Thema. Sache war, das leben zu genießen. In der Zeit des Wirtschaftswunders war das ‚ich will mehr‘ ganz normal.

Langsam, nur langsam schlich sich ins Bewusstsein, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Langsam, nur langsam. Schließlich gab es Alltagsnotwendigkeiten, Arbeit, 7 Uhr auf, 8 in der Arbeit, um 16 wieder heim, die Kinder müssen versorgt werden, der Alltag musste laufen, die Rechnungen bezahlt werden. Also da kann man sich schon mal was gönnen. Die Lebensweise ändern? So schlimm wird’s schon nicht werden. Wenn die Leberwerte zu hoch sind, mach ich eine Trinkpause und der Klimawandel kann zwar keine Pause machen, aber den Menschen ist noch immer was eingefallen. Katastrophen gab es schon viele und trotzdem haben die Menschen Kinder bekommen, der Fortschritt wird eine Lösung finden, auch diesmal. Derweil: Vergnügen, Konsum, immer schneller, intensiver, immer mehr.

Demnächst: Kann Verlust Verbesserung?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert