Kann Verlust Verbesserung?

Und was wäre, wenn ich wirklich mal etwas weglassen würde? Anfangs vielleicht jedes zweite Bier und jede zweite Autofahrt. Wäre das ein so großer Verlust? Verlust würde heißen, ich verliere etwas, also passives Erleiden, es stößt mir zu. In diesem Fall würde mir der Verlust aber durch eigenes absichtliches Handeln zustoßen, er wäre die Folge von Verzicht.

Verlust und Verzicht, zwei Worte, die nicht gerne gehört werden. Nicht in unserer Konsumwelt. Ich als Westeuropäer, der sich leisten will, was er kann. Jeder zweite Urlaubsflug? Da geht’s ans Eingemachte. Ich brauch‘ das Meer. Das wäre wirklich ein großer Verlust.

Das zweite Bier und die zweite Autofahrt, schon eher denkbar. Statt ins Waldviertel zu fahren, könnt ich in den Wienerwald spazieren, wäre an der frischen Luft in Bewegung im gesunden Waldklima. Tief durchatmen. Ich würde was gewinnen. Nebenbei auch sparen, weil ich nicht tanken muss. Apropos tanken, auch im Wienerwald gibt’s Gasthöfe. Würde dann nicht Bier tanken, sondern zum Beispiel ein Soda-Zitron. Vorteil: Die Zitrone vernebelt die Wahrnehmung nicht, weil bei einem Bier würde es nicht bleiben. Ich könnte also am Rückweg das gesunde Waldklima vollbewusst genießen. Nach 3-4 Stunden komm ich heim, leg mich auf die Couch, mit dem zufriedenen Gefühl, etwas getan zu haben und schau mir die Fotos von heute am Handy an. Könnte ich.

Verlust und Verzicht, ja, darüber mag ich wirklich nicht gern denken. Wobei, genaugenommen sind wir ja schon dort. Viele Arten sind schon ausgestorben eine Million ist gefährdet. Auf Almen kein Wasser mehr. Seen und Flüsse führen weniger Wasser, manche komplett ausgetrocknet. Ich war am früheren Zicksee. Wo ist das Wasser? Wir leben mitten im Verlust. Mittendrin. Das ist nicht Zukunft, es ist Gegenwart. Und doch will ich von Verlust nichts hören, von Verzicht schon gar nicht. Geh‘ lieber in meine Stammkneipe.

Und mit dem Bier? Wenn ich die Leber verliere wäre das vielleicht der letzte Verlust, den ich erlebe. Heißt, ich könnte durch Verzicht den Verlust vermeiden. Verlieren wir die Artenvielfalt, erginge es uns ähnlich. Auch das könnten wir durch Verzicht vermeiden. Ich mag das nicht hören. Wieso soll ich jetzt auf was verzichten. Ja, mit dem Spaziergang im Wald würde ich etwas gewinnen, stimmt schon. Es würde sogar meine Lebensqualität verbessern, vor allem, wenn ich es öfter und dann vielleicht dauernd mach‘.

Ich weiß nicht. Aber vielleicht ist Veränderung durch Verzicht doch besser als Veränderung durch Verlust, by Design or by Desaster. Würde mir und uns das schrittweise Verzichten vielleicht besser tun als auf den großen Verlust zu warten?

Ein Gedanke zu „Kann Verlust Verbesserung?“

  1. Danke für die Anregung, Stephan.
    Für mich war und ist der Verzicht auf ein eigenes Auto ein großes Glücksgefühl, da auf einmal Fortbewegung entweder etwas mit Sport treiben oder Kontakt haben mit anderen zu tun hat. Auch wenn der Kontakt nur darin besteht, gemeinsam unterwegs zu sein und Menschen um mich herum diskret anzuschauen.

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