„So ein schöner Sommer, nicht wahr.“

Die Instagramseite des Bundeskanzlers beschert uns ein besonderes Video, das vielleicht noch einen gewissen Witz hätte, wenn es nicht so traurig wäre. Es ist keine Satire, sondern die Einladung an Bürgerinnen und Bürger, sich für Gespräche mit dem Bundeskanzler auf seiner Tour durch die Bundesländer anzumelden. ‚Österreich im Gespräch‘, moderiert von Arabella Kiesbauer und Vera Russwurm, ein Termin in jedem Bundesland, an jedem Termin können bis zu 200 Personen teilnehmen. Im Video (online gestellt am letzten Tag einer in Europa historisch beispiellos extremen Hitzewelle) klingt das so:

Kiesbauer: „Ah, herrlich. So ein schöner Sommer, nicht wahr.“
Kanzler: „Schön und heiß dieser Sommer, ja.“
Kiesbauer: „Haben Sie schon Pläne?“
Kanzler: „Ja, ich freue mich auf viele interessante Gespräche diesen Sommer.“
Kiesbauer: „Ja reden ist so wichtig, gell. Und vor allem, dass man sagt, was Sache ist.“ (…)
Kanzler: „Reden wir darüber, ich freu mich drauf.“

Regierung schweiget stille zu dieser Hitzewelle.

Das bräuchte man eigentlich nicht kommentieren, es spricht für sich selbst. Aber so stehen lassen kann ich es auch nicht. Das Video schafft nach 2 Tagen immerhin 537 likes und 84 Kommentare. Die Kommentare kommen von Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft und überschlagen sich vor Empörung und Entsetzen über so viel Ignoranz.

Nach 14 Tagen extremer Hitze befindet er ’schön und heiß, dieser Sommer‘, wobei der Sommer eigentlich noch gar nicht begonnen hat. Wo war er die letzten Tage? Selbst wenn er sich die ganze Zeit in gekühlten Räumen aufgehalten hätte, hat er doch sicher einmal Nachrichten geschaut. Oder? Wie viele Menschen wohnen in Wohnungen, in denen es auch in der Nacht noch bis zu 30 Grad hatte. Klimaanlage? Fehlanzeige. Das musst du dir erst mal leisten können und außerdem die Zustimmung von Vermieter und Hausbewohner:innen bekommen.

Historisch beispiellose Hitzewelle in Europa. Ja und?

Aufgeweichter Asphalt, aufgebrochene Betonplatten auf der Autobahn (blow up), verbogene Geleise, steigende Notaufnahmen in den Spitälern, die zum Teil ohne Klimaanlage auskommen müssen, bis hin zu den Todesfällen, der Übersterblichkeit auf Grund von Hitze, und und und, die Liste der Schäden, Belastungen und Folgen der extremen Hitze ist lang. Das Leiden, vor allem vulnerabler Gruppen, während der Hitzewelle ist Realität.

So schaut’s aus, wenn darüber gesprochen wird, was Sache ist, Herr Bundeskanzler, wenn Sie schon diese Formulierung im Video verwenden lassen. ‚Sache‘ meint in dieser Redewendung die Fakten, das eigentliche Thema, die Kernproblematik. In den vergangenen 14 Tagen war es für einen Großteil der Bevölkerung die Hitze und wie man mit ihr umgehen bzw. über/leben kann. Für Sie, den Eindruck gewinnt man in dem Video, ist das alles irgendwie nicht vorhanden. Ob Sie es nicht sehen oder nicht sehen wollen oder das Thema aus taktischen Gründen ignorieren, sei dahingestellt. Das müssen Sie mit sich selbst ausmachen.

Wenn Frau Kiesbauer einen ‚herrlichen Sommer‘ lanciert, zeugt das zwar auch nicht von viel Gespür für Realität und Notwendigkeit, aber es ist ihre Sache. Wenn Sie von einem schönen und heißen Sommer reden, am Ende einer extremen Hitzewelle unter der alle Menschen im Land gelitten haben, ist das nicht nur Ihre Sache. Sie wurden gewählt und haben einen Auftrag, sich um das Wohl der Menschen in unserem Land zu kümmern, ihre Sorgen ernst zu nehmen und nicht, sie zu verhöhnen. Nichts anderes als Verhöhnung ist es, wenn Sie am Ende einer hochbelastenden und für viele Menschen in Europa bis zum Tod führenden Hitzewelle meinen: „Schön und heiß dieser Sommer, ja.“


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